Wie Technik unser Welt- und Selbstbild verändert

Feb 17, 2026

Der Philosoph Christian Uhle beschreibt in seinem Buch Künstliche Intelligenz und echtes Leben eines der rätselhaftesten Themen des Menschseins auf beeindruckend zugängliche Weise:

Wie kommt unser grundlegendes Gefühl des In-der-Welt-Seins zustande? Wie entsteht in mir eine Welt – und wie entstehe ich selbst in ihr? Ich möchte Uhles Erklärungen hier folgen, weil sie für Fragen der digitalen Balance enorm aufschlussreich sind.

Der direkte Weltbezug: Ich – Welt

Man könnte sagen: der nackte Zustand im Paradies. Ich berühre mit meinem Finger einen Auschnitt der Welt. Probier das gerne einmal aus. Und frage dich: Spüre ich meinen Finger? Spüre ich den Gegenstand? Oder irgendwie beides?

Unser Erleben offenbart uns zugleich Welt und uns selbst.

Technik als Vermittlung: Ich – Technik – Welt

Wenn ich beispielsweise Regen nicht auf meiner Haut spüren möchte, kann ich ein Dach bauen und es zwischen mich und den Regen schieben. So verändert sich, wie ich diesen Ausschnitt Welt erfahre. Ich höre den Regen, wie er aufs Dach fällt, ich sehe, wie er ans Fenster schlägt, aber ich spüre ihn nicht mehr auf der Haut.

Ein offensichtliches Beispiel ist eine Brille. Sobald ich sie aufsetze, nehme ich die Welt anders wahr.

Oder ich nehme einen Hammer - und der Nagel fühlt sich ganz anders an. Dass ich den Nagel mit dem Hammer so gut einschlagen kann, verändert vielleicht meine Haltung, wie ich mit der Welt in Kontakt trete, vielleicht fallen mir Oberflächen, die ich potentiell mit dem Hammer bearbeiten könnte, viel stärker auf als vorher. Nicht umsonst heisst es: Wer einen Hammer in der Hand hält, sieht überall nur noch Nägel. Technik beeinflusst also nicht nur meine Wahrnehmung, sondern auch meine Haltung.

Ein anderes Beispiel: Wie fühlt sich der Baum an, wenn du ihn mit einer Axt bearbeitest? Und wie, wenn du eine Kettensäge benutzt? Mit der Axt wirkt das Holz hart, mit der Kettensäge kann selbst ein Baum weich erscheinen.

Gleichzeitig verändert sich dein Selbstbild: Du erlebst dich als wirksamer, mächtiger, du hast mehr Kontrolle. Dir erscheint der Wald vielleicht weniger bedrohlich oder weniger magisch, weil du ihn besser beherrschst.

Technik vermittelt also nicht neutral zwischen mir und der Welt, sondern prägt auf grundlegende Weise mein Selbst- und mein Weltbild.

Der technische Blick auf die Welt

Wir dürfen uns also einmal die Frage stellen: In welchem Modus treten wir überwiegend mit der Welt in Beziehung?

Messen. Erklären. Dokumentieren. Verfügbar machen. Verwertbar machen. Zeit und Welt als Ressource behandeln.

Das alles gehört zu einem technischen Blick auf die Welt. Der Soziologe Hartmut Rosa (2020) spricht in diesem Zusammenhang von der Welt als Aggressionspunkt.

Das Gegenstück dazu nennt er Resonanz: Sich von Welt berühren lassen. Welt als zauberhaft, wundersam, unverfügbar erfahren. Welt als etwas, das mir antwortet – ohne vollständig kontrollierbar zu sein.

Der technische Blick ist nicht falsch. Ohne ihn gäbe es keinen Schutz vor Kälte, keine Medizin, keine Infrastruktur. Aber: Wenn er der einzige Blick wird, drohen Sinnkrisen.

Wenn Welt Menschen sind: Ich – Technik – Mensch

So wie sich Holz mit einer Kettensäge anders anfühlt als mit der Hand, fühlen sich auch Beziehungen anders an, wenn sie über Technik vermittelt sind. Während das Verfügbarmachen der Welt vielen noch akzeptabel erscheint, erleben die meisten dieselbe Dynamik mit Menschen als problematisch. Wenn wir durch die Beziehung Ich – Technik – Mensch, andere unbemerkt für uns verfügbar machen wollen, anstatt uns auf sie einzulassen und als Zwecke an sich zu betrachten, dann scheint etwas katastrophal falsch gelaufen.

Eine Formulierung des bekannten kategorischen Imperativs von Immanuel Kant (1997) lautet: Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchst.»

Wenn Menschen zu Mitteln werden – zu Datenpunkten, Reichweiten, Profilen – verlieren nicht nur Beziehungen ihre sinnstiftende Kraft, sondern unsere ganze Ethik gerät ins Wanken. Aber bleiben wir bei unserem Erleben und Uhles Perspektive auf Sinnkrisen:

Vielleicht liegt eine der wichtigsten Quellen von Sinn bei den anderen. Etwas ist immer nur wertvoll für jemanden. So können wir unser Handeln in der Welt nur als sinnstiftend erleben, wenn es für eine echte Person einen Wert hat. Unsere gegenwärtige Entwicklung zu immer mehr technisch vermittelten Beziehungen könnte also dazu führen, dass wir uns weniger auf andere Menschen einlassen und so in eine Sinnkrise geraten. Darauf deuten viele Studien zu folgenden Themen hin: zu Sinnverlust, Depression, Stress, Schlafstörungen und anderen psychischen Erkrankungen.

Durch Technik vermittelter Kontakt mit sich selbst: Ich – Technik – Ich

Ein weiterer Aspekt darf hier nicht fehlen: Selfies, Schrittzähler. Herzfrequenz. Schlafphasen. Blutdruck.

Mit all diesen Werkzeugen nehme ich mich selbst nicht unmittelbar wahr, sondern vermittelt durch Technik. Das kann hilfreich sein – manchmal sogar lebensrettend. Aber auch hier gilt: Wenn mein Blick auf mich selbst insgesamt nur noch technisch ist, verliere ich meine Authentizität und Lebendigkeit.

Mir passiert Folgendes, obwohl ich mich sehr bewusst mit diesem Thema beschäftig: Ich versuche im Internet Menschen zu erreichen, aufzuwecken und zu einem erfüllenden, sinnvollen Leben zu verhelfen. Und dann vergesse ich manchmal, dass hinter Likes, Views und Followerzahlen echte Menschen mit echten Gefühlen stehen.

Wenn dann jemand dann zu mir sagt: „Ich habe etwas ausprobiert, das du empfohlen hast.“ bin ehrlich überrascht - und denke: «Wow, da sind tatsächlich Menschen auf der anderen Seite, für die das eine Bedeutung hat.»

Lass uns deshalb achtsam bleiben und bewusst entscheiden, wo wir einander direkt begegnen wollen. Virtuelle Räume haben ihre Berechtigung, doch der Normalzustand soll direkter Kontakt, Authentizität und Resonanz sein.

Ausblick: Ich – Technik

Wir sind bisher diesen Weg gegangen:

  • Ich – Welt

  • Ich – Technik – Welt

  • Ich – Technik – Mensch

  • Ich – Technik – Ich

Künstliche Intelligenz verändert aktuell, wie wir leben, arbeiten und miteinander umgehen. Das hier vorgestellte Modell kann auch auf KI angewandt werden. Diese Entwicklung ist aber so kraftvoll, dass es keine bloss organische Weiterentwicklung der alten Technologien darstellt, sondern eine ganz neue Generation von Technik hervorbringt, die einen eigenen Artikel verdient. Hier kommt nämlich ein ganz neues Phänomen hinzu:

Ich – Technik

Was das genau bedeuten soll, darauf gehe ich in einem weiteren Beitrag ein.

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