Nie allein – und doch in tiefer Einsamkeit. Warum permanente Vernetzung keine Nähe erzeugt

Mar 02, 2026

Wir waren noch nie so gut vernetzt wie heute. Und doch fühlen sich immer mehr Menschen einsam. Über das Smartphone sind wir von der ersten Minute des Tages bis zum Einschlafen mit anderen Menschen in Kontakt.

Die Kommunikation ist zunehmend asynchron, weil wir gerne in unserem eigenen Rhythmus leben. Ich höre eine Sprachnachricht auf dem Weg zur Arbeit, schaue auf dem Klo in die E-Mails und sende ein Selfie, wenn ich an dich denke. Wir bleiben durchgehend erreichbar, wissen, wer gerade im Urlaub ist und was auf der Welt geschieht.

In den letzten Jahren haben immer mehr gute Freunde von einer tiefen Einsamkeit erzählt. Menschen, die sozial eingebettet wirken, Freundschaften haben, Partnerschaften führen. Wie passt das zusammen?

Da die Meisten von uns keine Notärzte oder Feuerwehrleute sind, ist dieses Gefühl wahrscheinlich unangemessen. Wir müssen es aber ernst nehmen als Hinweis darauf, wie sehr sich die Struktur unserer Beziehungen und unserer Kommunikation verändert hat.

Wir können das auf zwei Ebenen betrachten: erstens, was geschieht, wenn wir physisch getrennt sind, und zweitens, was geschieht, wenn wir zusammen sind?

Erstens. Beziehungen brauchen Lücken. Ich stelle sie mir manchmal wie ein unsichtbares Gummiband vor, das zwei Menschen verbindet. Wenn man zusammen ist, ist es locker. Wenn man sich trennt, spannt es sich. Man vermisst einander, freut sich auf das Wiedersehen. Diese Spannung ist nicht angenehm, aber sie zeigt die Bedeutung der Beziehung und sorgt dafür, dass ich mit umso mehr Schwung zurückkomme, wenn das Band stark gespannt war.
Was aber geschieht, wenn dieses Band nie mehr gespannt wird? Wenn wir uns im Stundentakt updaten, wo wir sind, was wir essen, wie wir uns fühlen? Dann entsteht keine Spannung mehr. Kein Tanz zwischen Nähe und Distanz.

Zweitens. Wir Menschen sind verkörperte Wesen. Beziehung besteht nicht nur aus Worten und Informationen. Sie lebt von Blicken, Gesten, Berührungen. Ein Blick, der einen Moment länger dauert. Eine Hand, die sich auf die Schulter legt. Vieles davon geschieht unbewusst und lässt sich digital nur unvollständig abbilden.

 

Hartmut Rosa spricht von Resonanz und beschreibt sie so, dass ich danach ein anderer Mensch bin: berührt, verändert. Die Grundlage dafür ist, dass ich mich auf dich einlasse. Viele von uns lassen sich aber nicht wirklich aufeinander ein. Wir haben gleichzeitig immer das Portal zu digitalen Welten in der Hand. Sobald du mir ein bisschen zu langweilig bist, unterhalte ich mich kurz anderweitig. Sobald die Situation sozial unbehaglich wirkt, habe ich einen einfachen Fluchtweg ins Digitale. Und sobald wir nicht wissen, was wir mit uns anfangen sollen, driften wir – manchmal gemeinsam, oft aber jeder für sich – wieder in die stimulierende virtuelle Welt.

Vielleicht liegt in diesen zwei Perspektiven ein Teil der Lösung. Anstatt ständig verbunden zu sein, könnten wir wieder einmal damit experimentieren, was es heisst, sich zu vermissen. Und auf der anderen Seite könnten wir, wenn wir uns sehen, versuchen, uns wirklich aufeinander einzulassen. Wie hört sich das an?

 

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