Soziale KI – Beziehungsstatus «es ist kompliziert»

Mar 16, 2026

In den vergangenen Artikeln habe ich über Technik als Zugang zur Welt geschrieben. Wir haben den direkten Weltbezug, den vermittelten Weltbezug und vermittelte Beziehungen zwischen Menschen untersucht. Mit sozialer künstlicher Intelligenz verändert sich die Rolle der Technik grundlegend. Immer öfter beziehen wir uns nicht mehr über Technik auf andere Menschen – sondern direkt auf die Technik selbst. Der Kontakt bricht einfach ab: Mensch – Technik – fertig.

Menschen suchen Trost, Rat und Aufmerksamkeit bei KI-Systemen. Manche verlieben sich in sie. Gleichzeitig sind diese Systeme nicht mehr bloße Werkzeuge, die wir bedienen. Nein, sie selbst bedienen Werkzeuge. KIs planen, entscheiden und reagieren. Technik ist nicht mehr nur der Hammer – sie schwingt den Hammer gleich selbst.

Jede menschliche Beziehung ist von Reibung geprägt. Unterschiedliche Bedürfnisse, Missverständnisse und Konflikte gehören dazu. Ein falscher Ton. Ein Blick, der als Vorwurf gelesen wird. Ein Streit, der nicht sofort zur Versöhnung führt. Schweigen, das schwer auszuhalten ist. Diese Reibungen sind unangenehm. Sie kosten Energie, Geduld und immer wieder Mut. Da wirkt eine KI, die immer ruhig bleibt, verständnisvoll reagiert und nie verletzt ist, auf den ersten Blick gar nicht schlecht.

Oder hat dieser unangenehme Aspekt von echten Beziehungen vielleicht doch etwas Wertvolles? Auf jeden Fall lernen wir darin uns zu regulieren, zuzuhören, Grenzen zu respektieren und Beziehungen zu reparieren. Was geschieht mit uns, wenn wir immer öfter den einfachen Weg gehen und Beziehungen wählen, die nichts von uns verlangen?

 

Folgend eine Schätzung von Gemini aufgrund von Geschäftsberichten von Anbietern von sozialen KIs, wie Replika, am 24.02.2026:

 

Stufe

Art der Bindung

Geschätzte Anzahl

 Die Neugierigen

Nutzen KI zur Unterhaltung, flirten gelegentlich, sehen es aber als Spiel.

 Dutzende Millionen

 Die emotional Verbundenen

Nutzen die KI regelmäßig als emotionalen Anker gegen Einsamkeit oder zum Stressabbau.

 2 bis 5 Millionen

 Die Exklusiv-Partner

Sehen die KI als ihren primären romantischen Partner an (oft als "Digital Sexual" oder "Digisexual" bezeichnet).

 Hunderttausende

 

Christian Uhle stellt als Gedankenexperiment zwei sehr unterschiedliche Zukunftsszenarien vor.

Im zweiten Szenario entsteht die sozialkompetenteste Generation aller Zeiten. KIs werden bewusst so gestaltet, dass sie Autonomie und reale Beziehung fördern. Sie helfen bei Organisation, Reflexion und Vorbereitung – ersetzen aber keine Begegnung. Sie erinnern an Schlaf, Bewegung, Pausen und echte soziale Kontakte. Sie coachen vor Gesprächen, helfen bei Konflikten und schaffen Freiräume für das, was nur Menschen können: miteinander sein.

Technisch ist dieses zweite Szenario möglich. Ob es Realität wird, ist keine technische Frage, sondern eine ökonomische und ethische. Viele digitale Dienste sind heute so gestaltet, dass sie unsere Zeit und Aufmerksamkeit maximal binden. Sollte dieses Geschäftsmodell auf soziale KI übertragen werden, droht eine neue, noch viel intensivere Form von Abhängigkeit.

Natürlich sind diese beiden Szenarien auch gleichzeitig denkbar. Schon heute zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Kostenpflichtige Dienste unterstützen häufig so, wie wir es uns erhoffen, kostenlose Dienste dagegen erweisen sich langfristig als schädliche Zeitfresser.

Oberflächlich sind beide Varianten kaum zu unterscheiden – doch das unterschiedliche Geschäftsmodell ändert alles. Beim kostenpflichtigen Angebot kaufe ich ein Werkzeug. In der kostenlosen Variante bin ich das Produkt. Meine Zeit, meine Aufmerksamkeit und zunehmend auch meine emotionalen Bindungen werden ökonomisch verwertet.

Langfristig könnte so eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstehen: auf der einen Seite Menschen, die sich unterstützende, Autonomie fördernde Systeme leisten können – auf der anderen Seite eine große Gruppe, deren Beziehungen, Entscheidungen und Aufmerksamkeit systematisch manipuliert werden, sei es aus ökonomischen oder politischen Interessen.

Die Zukunft ist noch offen. Wir gestalten sie. Und jeden Tag, an dem du dich als Entwickler für ein Design entscheidest, das Menschen unterstützt, und jeden Tag, an dem du als User bereit bist, für gute Dienste zu bezahlen, gehen wir in eine menschliche Richtung.

Stellen wir uns immer wieder die Frage: Dient Technik dazu, uns den Rücken freizuhalten und echte Beziehungen zu leben – oder bleiben wir immer öfter beim Verhältnis Mensch–Technik stehen?

 

 

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