Warum ich keine schönen Momente mehr festhalte
Feb 04, 2026
Ich gehe in Marokko surfen. Um zum Surf Spot zu gelangen, müssen wir mit unserem Land Cruiser einen Fluss überqueren, der überraschend viel Wasser führt. Wir schauen uns die Situation an, diskutieren, ob es sicher ist, da durchzufahren und entscheiden uns dafür. Es geht los. Ich sitze auf der Rückbank neben einer Frau, die sich die Augen zu hält und der Mann rechts neben mir nimmt das Handy hervor und filmt, wie wir den Fluss überqueren. Auf dem Rückweg filmt dann auch die Frau die Flussüberquerung.
Ein Konzert, eine Schulaufführung des eigenen Kindes, eine schöne Aussicht. Bei vielen Erlebnissen steht ein Gerät zwischen dem Menschen und der Welt. Wohin schauen wir Menschen, wenn wir etwas «erleben»?
Wo ist unsere Aufmerksamkeit, wenn wir «Spass» haben? Was passiert mit einem Moment, wenn wir ihn fotografieren?
Bewahren wir ihn – oder verlieren wir ihn?
Vielleicht ist das Fotografieren einer der unterschätztesten Gründe dafür, weshalb sich heute so viele Menschen in Sinnkrisen wiederfinden.
Meine Mutter besitzt ein paar Fotoalben. Wir schauen sie etwa alle zehn Jahre gemeinsam an. Es ist unterhaltsam, aber nicht zentral für unser heutiges Leben. Ein Album umfasst zehn bis zwanzig Seiten und dokumentiert ein paar ausgewählte Jahre meiner Kindheit.
Vergleicht man das mit der Menge an Foto- und Videomaterial, die heute über unsere Leben existiert, ist der Unterschied kaum zu fassen. Wozu tun wir das?
Für viele dienen Fotos und Videos dazu, Eindrücke und Szenen mit anderen zu teilen, oft in Echtzeit. Sei es privat oder öffentlich, dieses Dokumentieren des Lebens verändert unseren Bezug zur Welt. Die Absicht, etwas festzuhalten, etwas zu besitzen ist eine ganz andere als das Eintauchen in das Leben, als das Fühlen der Vibrationen des Lebendigen.

So gehen wir durch den Wald und sogar, wenn wir gerade nichts fotografieren, ist diese Möglichkeit uns unterschwellig bewusst. Es ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, dass wir Erfolge oder andere bedeutende Erlebnisse mit anderen teilen wollen. In der Szene von Cast Away, bei der Tom Hanks Feuer macht, zeigt dies eindrücklich. Das Feuer entflammt und er dreht sich um und sein Blick sucht nach Menschen, mit denen er seinen Erfolg teilen kann.
Aber was, wenn keine anderen Menschen da sind? Dann zur Sicherheit dokumentieren. Was geschieht jetzt, wenn ich mich daran gewöhne ich unbewusst alles prüfe, ob es gefilmt werden soll? Man sieht das eindrücklich, wenn an einem öffentlichen Ort ein Brand ausbricht und Menschen anstatt zu helfen, die Smaprtphones zücken oder wenn Menschen auf Reisen die schönsten Orte als Checkpoints für Fotos abhacken.
So unterwerfen wir unser gesamtes Dasein dieser kapitalistischen Verwertungslogik, bringen die Welt unbemerkt auf Distanz bis sich das Erleben merkwürdig taub anfühlt.
Wenn wir Erlebnisse zu Produkten machen, nehmen wir ihnen ihre Lebendigkeit. Das Leben kann nicht für später aufgehoben werden und ist nicht dazu da, Kapital daraus zu schlagen. Denn was ist der Nutzen eines Sonnenuntergangs? Keiner – ausser, er gefällt dir.
Aber dann: geniesse ihn. Sei da. Das ist das Leben, hier ist ein echter Moment und er wird nicht zurückkommen.
Vielleicht werde ich beim Schreiben dieses Textes so emotional, weil ich mich selbst immer wieder dabei ertappe, wie ich in besonders schönen Momenten darüber nachdenke, wie ich sie festhalten, verlängern oder wiederholen kann.
In vielen fernöstlichen Weisheitstraditionen gilt genau diese Haltung als grundlegendes Missverständnis. Zum Moment innerlich zu sagen: „Du bist angenehm, ich möchte dich behalten“ bedeutet, das unmittelbare Erleben zu unterbrechen und in eine Logik des Besitzens einzutreten.

Wenn ich den Fluss überquere und kein Smartphone dabeihabe, dann ist die Chance gross, dass diese Episode mehr im Zeichen des Seins steht als des Habens. Sie wird nicht dokumentiert, der Mann und die Frau sind voll im Kontakt mit ihren eigenen Gefühlen der Angst, der Aufregung, dem Erleben von diesem Abenteuer. Ich bin auch mehr in Kontakt mit ihnen, weil ihre Aufmerksamkeit hier in diesem Moment verankert ist. Und die Chance ist gross, dass wir danach uns näher sind und dass wir leicht veränderte Menschen sind, weil wir da WAREN und nicht einfach ein weiteres Beweisstück für unseren Urlaub HABEN.
Ich sage nicht, dass für Notfälle das Smartphone nicht mit dabei sein soll. Ich habe auch nichts gegen das gelegentliche Urlaubsfoto. Ich stelle aber die Frage nach dem zugrundeliegenden Gefühl des Menschseins und des Lebendigseins, wenn unser primärer Weltbezug zunehmend über ein Smartphone vermittelt ist.
Besonders schmerzhaft wird mir das bewusst, wenn Menschen in meinem Umfeld mein eigenes Kind filmen, während es lacht, spielt oder zum ersten Mal erfolgreich Fahrrad fährt. In diesem Moment endet die Resonanz. Sie stehen daneben, hinter einem Bildschirm, und verwandeln einen lebendigen Augenblick in ein Objekt – etwas, das später verfügbar sein soll.
Mit dieser Haltung stehe ich oft allein da und ernte Unverständnis. Schliesslich kann das Verhalten von Millionen erwachsener, mündiger Menschen ja kaum problematisch sein. Doch genau das möchte ich mit diesem Aufsatz klar machen:
Ein Lebensstil, in dem wir Erlebnisse nicht erfahren, sondern dokumentieren, führt zu Entfremdung und Sinnverlust.
Natürlich ist nicht jedes Fotografieren entfremdend – ein Fotograf kann im Tun vollkommen präsent sein, und ein jährliches Familienporträt kann ein Ritual sein, das Verbundenheit stiftet.
Wenn ich Menschen beobachte, scheint es mir aber, als liefen wir kollektiv einem Projekt hinterher, dem wir uns still verschrieben haben: der vollständigen Übersetzung der Welt ins Digitale.
Und so dokumentieren wir, filmen wir, teilen wir, archivieren wir. Wir machen alles verfügbar und verlassen dabei unsere Körper, unsere Sinne, unsere Verbundenheit und unterwerfen alles dieser Verwertungslogik.
Und dann liege ich nachts wach und frage mich, warum mir Menschen und die Welt abhandengekommen sind. Warum sich das Leben anfühlt, als würde es irgendwann später beginnen.
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