Was wird dann aus uns?

Oct 12, 2026

Ich beobachte bei mir selbst und in meinem Umfeld eine wachsende Erschöpfung. In diesem Artikel möchte ich einmal über den Tellerrand hinausschauen. Weg von den einzelnen Gewohnheiten und Tools, zu der Frage, in welche Zukunft wir als Menschheit gerade Schritt für Schritt hineinwandern.

Nach der Industrialisierung, die uns die körperliche Arbeit zu grossen Teilen abgenommen hat, stecken wir mitten in einer kognitiven Revolution: Jetzt nehmen uns die Maschinen das Denken ab. Was heisst das für unsere Rolle? Für unsere Aufgaben? Für die Art, wie wir unsere Zeit in Zukunft verbringen?

Der Philosoph Christian Uhle (2024) beschreibt drei Szenarien dafür, wie unser Leben in einer Welt mit hochentwickelter künstlicher Intelligenz aussehen könnte. Das geht über Utopie und Dystopie hinaus: drei differenziert ausgearbeitete Zukünfte, von denen ich eine als gefährlich realistisch einschätze. Dazu später mehr.

 

1. Die grosse Sinnexplosion

 

Stell dir vor, es geht gut aus.

Bürokratie ist automatisiert. Produktion, Landwirtschaft, Logistik ebenfalls. Gefährliche und stumpf repetitive Arbeit machen Maschinen. Was für uns bleibt, ist das, was Menschen für Menschen tun.

Spitäler, Sprachkurse, Tanzschulen, Psychotherapie, Beratung, Musikschulen, Elternvereine, Nachbarschaftshilfe. Schulklassen mit zehn bis fünfzehn Kindern. Einfühlsame Ärztinnen, die freie Termine haben und Zeit zum Reden. Ältere Menschen, die liebevoll in den Alltag eingebunden sind und die Gesellschaft von Jung und Alt geniessen, die inzwischen alle viel Zeit haben.

Die Arbeit in Büros ist so verteilt, dass jeder das tut, was er gut kann und gerne macht. Vorschläge werden nach ihrem Wert geprüft, nicht nach der Hierarchie dessen, der sie vorbringt. Fünfundzwanzig Stunden pro Woche. Ruhestand ist kein Thema mehr, weil Arbeit nicht mehr das ist, wovon man sich erholen muss.

In dieser Welt ist es selbstverständlich, den eigenen Beruf als sinnvoll zu erleben. Und deshalb definieren sich Menschen deutlich weniger über ihren Stress, ihre angebliche Wichtigkeit, ihre Titel und Gehälter. Das ist gar nicht nötig. Man erfährt täglich, dass der eigene Beitrag zählt.

Bands entstehen, Nachbarschaftsfeste, gemeinsame Projekte. Die Menschen sind sozial kompetent, selten krank, nicht gestresst und schlafen hervorragend. Das alles scheint mit der Weiterentwicklung der KI durchaus möglich.

 

2. Die grosse Langeweile

 

Dieselbe Automatisierung, aber ohne die Strukturen, die daraus etwas machen.

Viele sind arbeitslos. Es fehlen die Institutionen, die das Miteinander tragen, und die Gelegenheiten, sich sinnvoll einzubringen. Die frei gewordene Zeit wird nicht zu Gemeinschaft, sondern zu Konsum: virtuelle Welten, soziale KIs, immer kürzere und stimulierendere Formate, Pornographie, Glücksspiel, Isolation.

Die alternde Bevölkerung sitzt in grossen, anonymen Heimen; Roboter bringen das Essen.

Kein Kollaps. Kein Drama. Ein sehr grosses, sinnbefreites Nichts.

 

3. Das grosse Burnout

 

Und dann ist da das Szenario, bei dem es mir kalt den Rücken herunterläuft, weil es sich nicht wie Zukunft anfühlt, sondern wie eine Beschreibung des letzten Jahres.

Das Hamsterrad dreht schneller denn je. Die KI-Werkzeuge haben nicht die Belastung gesenkt, sondern die Erwartungen hochgeschraubt.

An Universitäten musst du nicht einmal im Quartal publizieren, sondern dreimal pro Monat – niemand hat mehr Zeit zu lesen, die KI fasst zusammen. Illustratorinnen liefern zehn druckfähige Entwürfe pro Tag. Newsportale zahlen eine Stunde Arbeitszeit pro Artikel. Anwälte bearbeiten zehn Fälle pro Woche und können weniger verrechnen, gerade weil die KI sie unterstützt.

Mittelmässige Leistung wird nicht mehr gebraucht – das kann die Maschine auch. Fast alle sind Freelancer, weil sich für jedes Projekt in Minuten das perfekte Team zusammenstellen lässt. Die meisten haben mehrere Jobs gleichzeitig: mal Übersetzerin, mal Eventmanagerin, mal Babysitterin, und Direktvertrieb machen alle nebenbei.

Ein Krankheitstag fällt sofort ins Gewicht.

Es gibt Gewinner. Aber im Mittelstand ist der Wettbewerb so hart, dass viele immer wieder Jahre am Existenzminimum verbringen. Stress, Schlafstörungen und Burnout sind so verbreitet, dass sie normalisiert und schlicht nicht mehr adressiert werden. Niemand hat Zeit für tiefe Gespräche. Die Selbstoptimierung frisst sich ins Private, und selbst dort entsteht Wettbewerb statt Nähe.

 

Welches davon kommt?

 

Hier liegt der Denkfehler, den ich fast überall sehe – auch bei mir selbst.

Wir behandeln die Zukunft, als stünde sie schon fest und als ginge es nur darum, sie richtig vorherzusagen. Wir gehen davon aus, dass wir das Resultat gemäss den Wahrscheinlichkeiten berechnen könnten.

Aber so funktioniert es nicht. Wir sind keine Aussenstehenden, die sich die Welt aus der Distanz anschauen. Wir kreieren unsere Realität jeden Tag selbst. Jeder von uns entscheidet mehrmals täglich, in welche Richtung es geht: durch das, was wir kaufen, was wir konsumieren, was wir priorisieren – und durch die Art, wie wir mit unseren Menschen und mit uns selbst umgehen.

KI ist mehr als eine weitere App, das ist inzwischen klar. Sie ist schon jetzt ein tiefer Teil unserer Alltags- und Gesellschaftsstruktur. Es ist bemerkenswert, dass eine Handvoll Konzerne über Algorithmen entscheidet, die weltweit soziale und ökonomische Strukturen prägen. Wir sollten diese Modelle nicht mit einfachen Produkten oder Dienstleistungen vergleichen, sondern als prägende Infrastruktur ernst nehmen. Wie bei Strassen oder Schulen sollten wir alle ein Interesse daran haben, wie diese Infrastruktur gebaut wird.

Aber die Frage, in welchem der drei Szenarien du persönlich lebst, wird auf keinen Fall nur auf politischer Ebene entschieden. Es ist ein hybrides Szenario denkbar: Ein Teil der Gesellschaft hat den Umgang mit dem Digitalen gelernt und lebt im ersten Szenario, während für alle anderen die Sinnlosigkeit bleibt. Du entscheidest jeden Tag mit – in deinem Umgang mit Erreichbarkeit, in bewussten Entscheidungen, mit deinem Mut zum Leben.

 

Quelle: Christian Uhle 2024: Künstliche Intelligenz und echtes Leben

 

 

 

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