Wir sind der Welt abhanden gekommen
Jul 06, 2026Diese Fragen werden mir immer wieder gestellt, wenn ich über digitale Balance spreche. Ich möchte in diesem Artikel darauf eingehen, weil hinter jeder von ihnen ein echtes Bedürfnis oder eine Unsicherheit steckt.
Frage 1: «Aber Raffi, du bist ja selbst auf Instagram! Machst du da nicht genau das, was du nicht empfiehlst?»
Ich habe lange über diese Frage nachgedacht und zuerst «Ja und Nein» geschrieben. Dann habe ich es wieder gelöscht und durch ein klares «Nein» ersetzt. Es lohnt sich, einmal innezuhalten und zu fragen: Was tun wir eigentlich, wenn wir Medien verwenden? Die wertvollste Unterscheidung, die ich in diesem Zusammenhang kenne, ist die zwischen Mediennutzung und Medienkonsum.
Wir können Instagram als Werkzeug benutzen, um Menschen zu erreichen, um etwas zu kommunizieren. Wenn wir ein klar definiertes Ziel verfolgen und einen digitalen Dienst als Werkzeug nutzen, um diesem Ziel näher zu kommen, dann können wir das als Mediennutzung bezeichnen. So wie wir ein Messer benutzen, um Brot zu schneiden. Wenn ich Instagram aber öffne, weil ich gerade mit mir allein bin und dieses Gefühl nicht aushalte, weil ein Gespräch unangenehm war oder weil ich einer Aufgabe ausweiche, die mich überfordert — dann ist Instagram kein Werkzeug mehr. Dann ist es ein Betäubungsmittel.
Menschen unterdrücken Gefühle seit Urzeiten. Alle vier Jahre ist Fussballweltmeisterschaft, dann kommt Olympia, dann eine neue Netflix-Serie. Schon lange vor Instagram gab es Menschen wie Homer Simpson, der vor dem Fernseher sass und Bier trank — und es gab Menschen, die bewusst lebten. Medienkonsum funktioniert ähnlich wie der Konsum von Substanzen: selbstbestimmt und massvoll ist nichts daran auszusetzen. Zwanghaft und stundenlang jeden Tag richtet er grossen Schaden an.
Über Instagram kann ich Menschen erreichen und meine Botschaft verbreiten. Wenn ich ein Reel aufnehme und von den Veränderungen der Menschen spreche, die ihre digitalen Gewohnheiten bewusst umgestaltet haben, dann hinterfragt vielleicht jemand seine eigene Gewohnheit. Vielleicht verstehst du genau jetzt, in diesem Moment den Unterschied zwischen Nutzung und Konsum und entscheidest ab heute, Medien so einzusetzen, dass sie dir dienen. Das ist der Grund, warum ich auf Instagram bin.
Dazu möchte ich dir gerne eine Geschichte erzählen.
Es war einmal ein Königreich, reich und blühend, in dem die Menschen plötzlich begannen, an einer seltsamen, neuen Krankheit zu leiden. Sie wirkten wie betäubt — nicht schlafend, aber kaum ansprechbar. Diese Art von Koma wurde bei einigen so stark, dass sie für immer zu Hause liegenblieben. Es begann mit einzelnen Bauern, die mitten auf dem Feld einfach stehenblieben, den Blick ins Leere gerichtet, die Hände still an der Seite. Dann traf es Händler, Gelehrte, Mütter mit ihren Kindern auf dem Arm. Wer in dieses Koma fiel, atmete noch, aber war für die Welt nicht mehr erreichbar. Er lächelte manchmal, nickte auf unsichtbare Stimmen, lebte in einer Welt, die nur er sehen konnte.
Der König rief die besten Ärzte aus allen Ländern zusammen. Sie kamen mit Büchern und Instrumenten, untersuchten, massen, diskutierten. Niemand fand eine Ursache. Niemand fand ein Mittel. Die Jahre vergingen. Fünfzig Prozent der Bevölkerung lag in diesem Koma. Dann siebzig. Dann neunzig. Das Königreich verstummte.
Da kam eines Morgens eine junge Frau zum König. Sie war einfach gekleidet, keine Ärztin, keine Gelehrte. Sie sagte: «Ich kann in dieses Koma eintreten. Ich kann den Menschen dort begegnen, in ihrer Welt. Ich kann sie daran erinnern, wie ihr Leben einmal war, wie die Sonne sich anfühlte, wie es war, jemanden zu berühren. Ich kann sie wecken.»
Der König schwieg lange. Dann fragte er zögernd: «Aber wenn du die Menschen in diesem Koma besuchst — machst du dann nicht dasselbe wie die anderen?» Die junge Frau sah ihn ruhig an. Dann lächelte sie.
Insta oder kein Insta — das ist nicht die Frage. Was bewirkst du mit deinem Handeln, und tut es dir und anderen Menschen gut? Das ist die Frage.
Frage 2: «Komm doch zu unserem Zoom-Call — wir sind dir wohl nicht wichtig»
Dieser Einwand beschäftigt mich seit einem Jahr. Ich lebe in Zürich und habe ein Jahr lang mit meiner Lerngruppe aus Deutschland einen intensiven gemeinsamen Prozess durchgemacht. Diese Menschen bedeuten mir viel. Sie treffen sich regelmässig zu Zoom-Calls — an denen ich aber nur selten teilnehme, weil es auf Kosten von Zeit in der Natur, Sport, Zeit mit meiner Tochter und mit Menschen in Fleisch und Blut geht.
Ich möchte mein echtes Leben nicht durch Simulationen ersetzen. Wenn ich die Wahl habe, Zeit mit Menschen zu verbringen, die ich anfassen und anlachen kann, dann entscheide ich mich für das Hier und Jetzt.
Es gibt ein Wort dafür, das ich sehr schätze: Geolokaliät. Die Überzeugung, dass der Ort, an dem ich mich physisch befinde, eine besondere Bedeutung hat. Dass körperliche Anwesenheit einen Wert besitzt, der sich nicht kopieren lässt.
Der Glaube, ein Zoom-Call komme einem echten Treffen auch nur annähernd nahe, ist ein gefährlicher Irrtum. Wir sind soziale Wesen, die über Jahrtausende für Blickkontakt, Mikrogesten, Berührungen, Gerüche und das gemeinsame Erleben von Raum und Zeit gebaut wurden. Das Internet liefert davon einen Bruchteil. Schau dir an, was mit der Sexualität passiert: Menschen haben statistisch immer weniger Sex, während gleichzeitig mehr Pornographie konsumiert wird als je zuvor. Der stärkste Trieb des Menschen, das Bedürfnis nach echter körperlicher Nähe, wird zunehmend durch eine Simulation ersetzt. Zoom-Calls sind praktisch. Digitale Unterhaltung ist angenehm. Entfremdung und Einsamkeit sind so was von real.
Wir alle haben 24 Stunden pro Tag. Eine Entscheidung für einen Zoom-Call ist nie etwas Zusätzliches — sie geht immer auf Kosten von etwas anderem. Bewegung, Natur, Schlaf, echte Menschen.
Wenn du in Zürich wärst, würde ich auf jeden Fall zum Stammtisch kommen. Versprochen.
Frage 3: «Ist es schlimm, wenn ich beim Spaziergang im Wald einen Podcast höre?»
Nein. Vielleicht. Es kommt darauf an.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob du dein Handy in den Wald mitnimmst. Die Frage ist: Gibt dir die Technologie mehr Wald — oder nimmt sie dir den Wald?
Ich kenne Menschen, die stundenlang im Büro sitzen und Aufgaben erledigen, die sie draussen genauso gut — oft sogar besser — erledigen könnten. Ein Telefonat, das Nachdenken über ein Problem, ein Fachtext als Hörbuch. Wenn du merkst: Das könnte ich auch im Freien tun — dann geh raus und nimm dein Smartphone mit. Die Technologie schenkt dir in diesem Moment mehr Natur. Sie öffnet dir eine Tür, die früher verschlossen war.
Aber wenn du in deiner Freizeit nicht mehr allein im Wald sein kannst, ohne Kopfhörer, ohne Kamera, ohne den Hunger nach Unterhaltung — wenn dir die Stille, der Geruch von nassem Laub, das Zittern des Lichts durch die Äste nicht mehr genug sind, wenn du das Gefühl nicht aushältst, dass in diesem Moment einfach nichts passiert — dann hat das Smartphone dir den Wald genommen. Dann bist du zwar körperlich draussen, aber dein Geist ist in Cyberspace.
Wenn du mich fragst, ob es ok ist, beim Spaziergang einen Podcast zu hören, dann frag dich das nächste Mal: «Gibt dir die Technologie mir mehr Wald — oder nimmt sie dir den Wald?
Frage 4: «Ich hab’s halbwegs im Griff — es ist ja nicht mega schlimm bei mir»
Das ist der Satz, den ich am häufigsten höre. Und gleichzeitig der, der mich richtig wütend macht. Wenn du selbst denkst: irgendwie ist das Handy ein Zeitfresser, aber mega schlimm ist es nicht — dann möchte ich dich zwei Dinge fragen.
Erstens: Kennst du die kausalen Zusammenhänge? Erschöpft am Morgen aufwachen, obwohl du lange genug geschlafen hast? Chronischer Stress? Das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben?
Ich bin ja ein Streber, also hier ein paar Zahlen: Das Handy auf dem Tisch senkt deinen IQ messbar um 10 Punkte. Fünf Minuten ohne Handy senken Blutdruck, Puls und Cortisol. Und wer das Gerät nicht ins Schlafzimmer mitnimmt, schläft im Schnitt eine Stunde mehr pro Nacht. Eine Stunde. Täglich. Stell dir einmal vor, du hättest die nächsten Jahre einfach einen um 10 Punkte höheren IQ. Stell dir einmal vor, wie viel mehr du leisten, geniessen, erleben könntest. Und du sagst, du hast es halbwegs im Griff?
Zweitens: Viele Menschen glauben schlicht nicht mehr, dass sich das ändern lässt. Sie hören, was ich sage, nicken — und gleichzeitig wirkt ein unbewusster Glaubenssatz: «Das ist heute halt so, da kann man nichts ändern.» Oder: «Alle machen das so, also ist es vielleicht okay.» Das ist der Konformitäts-Bias. Die Überzeugung, dass das, was alle tun, richtig sein muss — bis die ganze Gesellschaft gemeinsam in ein kollektives Burnout läuft.
An diesem Punkt möchte ich die Ergebnisse der Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, in die Welt schreien. Kleine Zeitfenster im Alltag, die geschützt werden. Das Umfeld, das leicht angepasst wird. Erreichbarkeit, die klar kommuniziert wird. Und plötzlich berichten Menschen, die ich begleite, dass sie wieder Zeit haben, dass sie wieder entspannt sind, dass sie wieder produktiv sind — und vor allem, dass sie das Gefühl haben, ihr Leben wieder selbst zu gestalten.
«Halbwegs im Griff» — das kann nicht dein Ernst sein.
Ich lade dich herzlich zur Auferstehung ein — ein kostenloses Webinar, in dem wir gemeinsam dein Leben zurückholen:
www.digitalintakt.com
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